|
|
|
Kann
denn Spicken Suende sein?
Wer wenig weiss,
schreibt ab, und wer viel weiss, laesst von sich abschreiben. Das
gilt als eherner Grundsatz in deutschen Klassenzimmern. Dem Nachbarn
die Sicht auf das eigene Blatt zu verwehren, fuehrt bei uns fast
unweigerlich zur schlimmsten aller Strafen: der Verachtung durch
die Klassenkameraden. So tief fleischt sich der Grundsatz von Geben
und Nehmen ein, dass selbts Konrad Adenauer sich rechtzeitig vor
dem Latein-Abitur den Aufgabentext erschlich.
An amerikanischen Schulen ist das alles anders. Wer sich dort ein
paar Mal mit Schuelern unterhaelt, stoesst ziemlich schnell auf
einen der groessten und bisher viel zu wenig beachteten Unterschiede
zwischen dem deutschen und amerikanischen Erziehungssystem: das
Spicken. US-Schulen packen ihre Schuetzlinge bei der Ehre und finden
damit bei den Schülern eine erstaunliche Zustimmung. "On netriche
pas" (gespickt wird nicht), so beschreibt der franzoesische
Autor Phil Labro die Gesinnung waehrend seiner College-Zeit in Virginia.
Begruendung: Abschreiben vertraegt sich nicht mit der Erziehung
zum Gentleman. Das ist zwar vierzig Jahre her, doch glauben laut
einer Umfrage von 1989 immer noch mehr als die Haelfte der US-High-Schueler.
Abschreiben sei Suende.
Im aktuellen Ehrenkodex (Honor Code) des College of Engineering
in Ann Arbor, Michigan, wirkt sich diese Geisteshaltung so aus:
"Der Ehrenkodex fusst auf dem Grundsatz, dass Studenten die
Pruefungen ablegen, ohne abzuschreiben. Deshalb braucht der Dozent
die Pruefungen nicht zu ueberwachen (ja, er ist nicht mal anwesend)
... Waehrend der Pruefung duerfen Studenten den Raum jederzeit verlassen.
Minimale Unterhaltung ist, falls unentbehrlich, erlaubt, jedoch
nicht ueber die Prüfung selbst ..."
Bisher hoert es sich noch recht gut an, doch ganz traut man dem
Frieden nicht, schliesslich muss jeder Student am Ende der Pruefung
ein "Ehrengeloebnis" unterschreiben, und als Pferdefuss
folgt der Petz-Paragraph: Wer den Nachbarn beim Spicken ertappt,
hat den Vorgang sogleich zu melden. Ein Ehrenausschuss von Studenten
tritt daraufhin zusammen: Die befleckte Ehre muss mit allen Mitteln
wieder reingewaschen werden.
Wozu das alles? Ist denn das Spicken nicht eine hoechst nuetzliche
soziale Einrichtung? Da ist zunaechst natuerlich der sportliche
Ehrgeiz, den Lehrer zu ueberlisten (und immer, immer ist es gelungen).
Vor allem aber erfuellt das Spickenlassen eine wichtige paedagogische
Funktion, die es gegen die staendigen Hintertreibungsversuche des
Lehrkoerpers zu verteidigen gilt: "Banknachbar, sieh her, ich
habe gepaukt, du aber, du bist statt dessen lieber zum Baden gefahren.
Eigentlich haette ich alle Gruende, dich dafuer buessen zu lassen,
aber nein, du sollst auch eine passable Note haben, also gebe ich
dir vom Lohn meiner Arbeit ab, hier nimm!" Eine wahrhaft christliche
Einstellung ist das, die man heute nur anders nennt. Und derjenige,
der dagegen verstoesst, der seinen Arm im Halbkreis um sein Schulaufgabenblatt
legt, ist geaechtet: Streber, ekelhafter. So einer haelt sich nicht
an den Grundgedanken des Sozialstaats, das Prinzip der Solidaritaet:
Wer viel hat, springt fuer die ein, die wenig haben. Das gilt fuer
die Krankenversicherung ebenso wie fuer Sozialhilfe oder Bafoeg.
(来信请注明翻译此篇材料所用的时间)
|
|